Geschlechterneutrale Kleidung - Alle Farben für jedes Kind

Pink für Mädchen und blau für Jungs: eine Regel, scheinbar so alt wie Kleidung selbst. Aber was wenn die Dinge vor gar nicht allzu langer Zeit ganz anders waren? Unsere Autorin Sonja geht der Frage nach, wie sich Farben in der Mode im Laufe der Zeit verändert haben und wie Kleidung zu einem politischen Statement werden kann. 

Unisex clothing Photo by Alexander Andrews on Unsplash

Rosa oder Blau: Alles nur eine Farbe der Zeit? Wann wird geschlechtsneutrale Kleidung für Kinder endlich die Regel statt der Ausnahme?

Wir sind mit meiner Familie im Urlaub an der Ostsee. Ich ziehe meinem Sohn seine rosa-rot-gestreifte Jacke an, die ich kürzlich auf dem Flohmarkt in Berlin gefunden habe. „Aber dann denken ja alle, dass er ein Mädchen ist!“, höre ich meine Mutter sagen. Ich denke nur, wie ein einfaches Kinderkleidungsstück bloß so sehr die Gemüter erregen kann.

Wenn die Jacke deines Kindes politisch wird

Schon beim Kauf besagter Jacke kamen die ersten Kommentare. „Also mein Partner würde das nicht mitmachen“, sagte eine Freundin, die gerade mit ihrem Sohn schwanger war. Noch am selben Tag trug Leander das bereits zum Politikum gewordene Kleidungsstück auf einer Geburtstagsfeier. Die Meinungen schwankten zwischen „coole Jacke“ und „das ist aber mutig“. Meinungen, um die ich selbstverständlich nicht gebeten habe.

Diese Diskussion um geschlechtsneutrale Kleidung für Kinder blieb in meinem ersten Jahr als Mama längst nicht die einzige. Auf einer Hochzeit hatte Leander einen rot-weiß-karierten Overall an und wurde von den meisten Gästen für ein Mädchen gehalten. Trug er bunt gemustert, passierte genau dasselbe. Keine Farbe blieb unkommentiert, außer sie war unverfänglich – also blau. Und das passierte beim Urlaub auf dem Land genauso wie zu Hause in Berlin.

Mir schien es langsam, als seien die Leute mit zu bunter, zu gemusterter oder auch nur geschlechtsneutraler Kinderkleidung überfordert. Als würden sie sich erst zufriedengeben, wenn das Geschlecht eines Babys auf den ersten Blick erkennbar ist. Blau für Jungs und Rosa für Mädchen – eben genau so, wie es per Definition schon immer festgelegt war. Moment mal, schon immer?  

Unisex clothing orbasicsPhoto by Icons8 Team on Unsplash  

Rosa für Jungs, blau für Mädchen: früher war alles anders

Als Kulturwissenschaftlerin weiß ich, dass das Blau-Rosa-Klischee gar nicht so alt ist, wie die meisten vermuten. Ein kurzer Blick in die Vergangenheit zeigt, dass sich die Zuschreibung von Farbe und Geschlecht erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewandelt hat. Denn, Überraschung: Zuvor war das Gegenteil der Fall. Im westlichen Kulturkreis galt Rosa jahrhundertelang als Farbe kleiner Jungen. Während Könige und Päpste sich in rotem Purpur, der Farbe der Macht, hüllten, trugen Knaben Kleider im „kleinen Rot“, einem Symbol für Stärke und Männlichkeit. Blau war in der christlichen Tradition und der Symbolik des Mittelalters hingegen die Farbe der Jungfrau Maria. Hellblau, das „kleine Blau“, galt als fein und elegant und war deshalb den Mädchen vorbehalten.

Die farblichen Zuschreibungen, wie wir sie heute kennen, kamen einerseits durch das Verblassen der religiösen Farbsymbolik und andererseits durch die neu entstandene Arbeiterkleidung. Blaumänner in den Fabriken, Matrosenanzüge bei der Marine und die berühmte Blue Jeans standen von nun an für Kraft, Stärke und Durchsetzungsvermögen. Rosa verblasste im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Farbe, die mit Attributen wie zart, sanft oder schutzbedürftig verbunden und deshalb Mädchen zugehörig war. Hinzu kam, dass sich durch den allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Krieg mehr Familien Spielzeug und Kleidung für ihre Kinder leisten konnten, woraus der Bereich des Gender-Marketings entstand. Wieso geschlechtsneutrale Kleidung für Kinder anbieten, wenn sich mit zwei Ausführungen mehr Geld machen lässt?

Das mag vielleicht das Weltbild einiger Menschen zerstören, aber an sich ist weder Blau eine Jungenfarbe, noch Rosa eine Mädchenfarbe. Ihre Codierung ist vielmehr vom Kulturkreis abhängig und gesellschaftlich geprägt. Die Geschichte beweist, dass sich ihre Bedeutung innerhalb kürzester Zeit ändern kann, bloß wäre ein solcher Schritt heutzutage wohl wesentlich schwieriger. Denn erst in den letzten 50 Jahren haben sich Marketingstrategien entwickelt und dazu beigetragen, dass sich geschlechterspezifische Rollenbilder und Stereotypen immer stärker verfestigen. Dass schon kleine Kinder sich zu einer bestimmten Gruppe zugehörig fühlen (wollen) und das Verhalten ihrer Eltern und anderer Erwachsener reproduzieren. Dazu zählt eben auch die Wahl ihrer Kleiderfarbe.

Unisex clothing orbasics

 

Geschlechtsneutrale Kinderkleidung oder: die ganze Welt der Farben

Letztendlich liegt es an uns selbst, ob wir solche Klischees bedienen möchten oder nicht. Welche Werte wir unseren Kindern mit auf den Weg geben wollen und auch den Menschen, die uns auf unserem Weg begegnen. Wer genauer hinschaut, sieht vielleicht schon einen kleinen Wandel – denn die Nachfrage besteht. Labels mit geschlechtsneutraler Kinderkleidung, Unisex-Schnitten und -Formen sowie (Online-)Shops, die ohne die Kategorien „Mädchen“ und „Jungen“ auskommen. Und zwar deshalb, weil sie einfach nicht nötig sind.

Kleidung ist nicht nur eine Hülle, die uns schützt. Sie ist auch Mode, eine persönliche Präferenz, die Spaß machen soll und uns in unserer Haut wohlfühlen lässt. Mehr noch: sie ist politisch. Niemand sollte sich in der Wahl seiner Garderobe eingeschränkt oder gar diskriminiert fühlen – erst recht nicht Kinder. Und wenn wir als Eltern für unser Baby entscheiden, dass Jungs genauso gut Rosa wie Blau tragen können, dann nimmt das sowohl Einfluss auf uns, unser Kind, aber auch unser Gegenüber. Bestenfalls einen, der den Horizont erweitert. 

Unisex clothing orbasicsCopyright by Sonja Köllinger 

Als ich schwanger war, hätte ich nicht gedacht, dass ich 2019 immer noch über Farben für Jungen und Mädchen diskutieren werde. Dass ich wildfremden Menschen immer wieder das Geschlecht meines Kindes erklären muss, was doch auch gar nicht wichtig ist. Denn mein Sohn ist ein wunderbarer, neugieriger und offener kleiner Mensch, der zwar jetzt schon seinen eigenen Kopf hat, aber dem es egal ist, ob seine Hose grün, blau oder rosa ist. Der die ganze Welt kennenlernen soll und nicht nur die halbe. Bloß weil manche Leute meinen, dass Jungs nicht mit Puppen spielen, keine Gefühle zeigen oder rosa-geringelten Jacken tragen dürfen. Doch, das dürfen sie. Und es macht ihr Leben mit Sicherheit sehr viel bunter. 

Sonja

Sonja ist weit davon entfernt, einen nachhaltigen Kleiderschrank zu haben, ist aber überzeugt, dass auch kleine Schritte gute Schritte sind. Seit rund 10 Jahren lebt sie mit Ihrem Hund und ihrer Katze aus dem Tierheim in Berlin und arbeitet dort als freie Redakteurin für die Themen Fair Fashion, Organic Beauty, Travel und Tech.
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